Kraftzentrale

Die Geschichte der Kraftzentrale Schönenberg

1862

Oberst Hegner vom Schloss Epishausen bewirkt bei der Gemeinde Schönenberg die Abgabe von 7 Jucharten Land samt Wasserrechtsnutzung für 3.6m Gefälle.

Zu den ersten Schwierigkeiten, die sich dem neuen Betrieb in Schönenberg in den Weg stellten, gehört der unerfreuliche Beschluss des Thurgauischen Regierungsrates, die Wasserrechtskonzession mit dem Vorbehalt zu belasten, dass im Falle der Erstellung eines Wasserkanals (Ableitungsprojekt Negrelli durch das Aachtal für die Wassernutzung bis zum Bodensee) für diesen Kanal eine Wassermenge von 50 bis 60 Kubikfuss reserviert bleiben müsse!

Eine Eingabe der Ortsbehörde Schönenberg beim Grossen Rat des Kantons Thurgau führt im März 1863 sehr rasch zur Aufhebung des regierungsrätlichen Beschlusses.

Erschwerend für den Bau und den Betrieb wirkt sich auch der brückenlose Thurübergang aus. (1871: Bau der ersten Thurbrücke zwischen Kradolf und Schönenberg. 1872 Einweihung; 1876: Einweihung der Bahnstrecke Sulgen-Bischofszell-Gossau)

Die Krafterzeugungsanlage geht auf das Baudatum der Seidenstoffweberei von 1862 zurück.

Die Wasserkraft der Thur bildet durch den einst 1.4 km langen Fabrikkanal in den ersten Jahrzehnten der Industrialisierung die einzige Energiequelle für die „Seidenstoffweberei Schönenberg“. Transmissionsanlagen übertragen die Energie vom Kraftwerk direkt auf die mechanischen Webstühle.

1863: Teilweise Betriebsaufnahme. Installierte Turbinenleistung: 20 PS
1882: Fabrikerweiterung, Leistungserhöhung der Kraftzentrale auf 35 PS (bis 1888)
1893: Erhöhung der installierten Leistung der Kraftzentrale auf 90 PS
1898: Fabrikerweiterung, 2.Kessel und neuer Hochkamin: Höhe 24 m, Fundament 6m
1906: Alter Dampfkessel wird durch neuen Sulzer-Kessel ersetzt.
1909: Neubauten anstelle der abgebrannten Fabrikräume. Neues Wehr. Kraftanlage C mit 2 Francisturbinen (Zwillingsturbine) von Escher Wyss, neue Schalttafel
1910: Hochwasser mit Turbinenschäden, Verbesserung der installierten Leistung auf 365 PS
1916: Neue Turbine A Escher Wyss 90 PS
1943: Notstromgruppe (amerik. Panzermotor Herkules 200 PS auf 100 PS reduziert) Grundwasserstrom-Pumpe auf 8m Tiefe
1948: Neue, automatische Rechen im Oberwasserkanal
1952: Umstellung von Kohle auf Ölheizung
1962: Renovation der ältesten Turbine B
1978: Einstellung des Textilbetriebes.

Aus alten Berichten des Eidgenössischen Fabrikinspektorates

1885: 200 Arbeiter
1890: 350 Arbeiter
1893: 417 Arbeiter
1904: 540 Arbeiter
1910: 690 Arbeiter
1923: 630 Arbeiter

Die Kraftzentrale heute

Die Kraftzentrale ist eine eindrückliche Einheit von gebändigter Natur und Architektur. Die sichtbare Maschinerie stammt von den bedeutendsten Schweizer Maschinenbaufirmen Sulzer Winterthur (Dampfkessel), Brown Boveri Baden (Generatoren), Maschinenfabrik Oerlikon (Transformatoren, Escher Wyss Zürich (Regler,Turbinen). Sie dokumentiert auf kleinstem Raum wichtigste Namen der Blütezeit der Schweizer Industrie.


Quelle: IN.KU 42 vom März 2004 (Herausgeber: SGTI, Verfasser: Hans-Peter Bärtschi)

Die Zentrale besteht aus folgenden Objektbereichen:

A Wasserkraftwerk 1 von 1862 / 1916 mit Turbinen-Fliehkraft-Generatorengruppe 1 Escher Wyss/BBC
B Wasserkraftwerk 2 von 1882 mit Turbinen-Fliehkraft-Generatorengruppe 2 Escher Wyss-Turbine und Getriebe
C Wasserkraftwerk 3 von 1909 mit Turbinen-Fliehkraft-Generatorengruppe im UG Escher Wyss/BBC
D Hochkamin von 1898 und Sulzer-Kessel 2 von 1906
E Dieselmotoren- und Generatorengruppe USA/Österreich
F1 Versetzte Schaltwand mit Marmor- und Jugendstilteilen von 1909
F2 Versetzte Schaltwand, Elektromotor MFO und Fliehkraftregler Escher Wyss
G Säurebatterien – Stromspeicherraum
1991: Einreichung erster Projektpläne für die Erneuerung der Kraftwerkanlage durch die neue Eigentümerin Interpars AG.
1997: Die Kostenfrage bei einer Erneuerung der Anlage führt zu einer Projektausarbeitung für ein Kraftwerk im Flussbett.
2001: Gesuch für die Zuschüttung des alten Kraftwerkkanals.Brand in einem grossen Teil der Fabrikanlage.

Projekteinreichung: Totalabbruch der Kraftwerkzentrale und Bau einer Strassenzufahrt anstelle der oberwasserseitigen Einlaufwerke.

Begehung der Anlage durch einen Vertreter der Denkmalpflege und dem Industriearchäologen Dr. H-P. Bärtschi von der ARIAS. Die Kraftwerkzentrale wird als historisch wertvoll erachtet.

In den Kantonen Thurgau und Zürich ist zur Zeit der Erhaltensbemühungen keine vergleichbare Anlage mit der Vielfalt, Dichte und dem Erhaltungszustand bekannt.

2002: Der Eigentümer der Interpars AG, H.K. Böhi, bietet Hand zu einem Kompromiss, der es vorbehältlich der Finanzierung ermöglicht, zwei Drittel der Kraftzentrale mit Hochkamin und den angrenzenden Bereich der Oberwasseranlage zu erhalten und der die Zufahrt zum alten Hallenbau und zum Neubau gewährleistet.

Gründung des Vereins Kraftzentrale Schönenberg (siehe auch Unser Verein > Geschichte)
Parallel zur Wiedererrichtung der Fabrikhallen durch das Architekturbüro Forster & Burgmer aus Kreuzlingen gelingt eine sorgfältige Integration der historisch wichtigsten Substanz in die Neuüberbauung.
Bis Ende 2003 können Erhaltung und Sanierung der Hochbauten und eines Teils der Wasserbauten finanziert und durchgeführt werden.

2004: Gestaltung des Besucherrundgangs und Restaurierung der MaschinengruppenMuseumseröffnung am 8.Mai 2004
2006: Anlage-Modell im Besucherrundgang, Inbetriebnahme Rechenputzanlage
2008: Machbarkeitsstudie „Turbine B in Bewegung“ durch die Stiftung RevitaZiel: Das Wasserkraftwerk 2 in Bewegung zeigen zu können.
2009: Abschluss der Bauarbeiten am Hochwasserschutzdamm im ehemaligen Fabrikkanal Erstellung des Bachbetts für den zukünftigen Kanalbach, der zur Kraftzentrale führt.Ziel: Die Wasserflächen vor der Kraftzentrale sollen gefüllt sein und immer Wasser über den geschlossenen Überlauf in den Unterwasserkanal fliessen.
2010 4. März: Spatenstich für das neue Flusskraftwerk Thurfeld der Thurkraftwerk AG